Adipositas ist eine anerkannte chronische Erkrankung, die den ganzen Menschen betrifft. Körperlich, seelisch und sozial. Gemeint ist ein starkes Übergewicht, bei dem sich so viel Körperfett angesammelt hat, dass es die Gesundheit beeinträchtigt. Medizinisch spricht man von Adipositas ab einem Body-Mass-Index von 30. Der BMI ist eine einfache Rechenformel aus Körpergröße und Gewicht. Er ist nicht perfekt, aber ein grober Richtwert. Ab einem BMI von 25 spricht man von Übergewicht, ab 30 von Adipositas, ab 35 von schwerer und ab 40 von extremer Adipositas.
Viele Menschen glauben noch immer, Adipositas entstehe einfach, weil jemand zu viel isst oder sich zu wenig bewegt. So einfach ist es nicht. Ja, am Anfang steht meist eine dauerhaft höhere Kalorienzufuhr als der Körper verbraucht. Aber die Gründe dafür sind sehr unterschiedlich. Psychische Belastungen spielen häufig eine große Rolle. Stress, Depressionen, Angststörungen, Traumata, Einsamkeit oder chronische Überforderung können dazu führen, dass Essen zur Bewältigungsstrategie wird. Nicht aus Schwäche, sondern weil Essen kurzfristig beruhigt, tröstet oder belohnt. Dazu kommen z.B. auch Schlafmangel, Schichtarbeit, bestimmte Medikamente, hormonelle Veränderungen, genetische Veranlagung und ein Umfeld, in dem hochkalorische Nahrung jederzeit verfügbar ist. All das beeinflusst unser Essverhalten und unseren Stoffwechsel stärker, als vielen bewusst ist.
Ein wichtiger Punkt ist, dass sich Adipositas ab einem bestimmten Stadium verselbstständigt. Anfangs mag es noch so sein, dass jemand schlicht mehr isst, als der Körper braucht. Doch wenn die Schwelle zur Adipositas überschritten ist, verändert sich der Körper selbst. Hormone, die Hunger und Sättigung steuern, geraten aus dem Gleichgewicht. Der Grundumsatz sinkt. Der Körper lernt, Energie besonders effizient zu speichern. Gleichzeitig steigt das Hungergefühl, während das Sättigungsgefühl später einsetzt. Ab diesem Punkt ist es nicht mehr nur eine Frage von Willenskraft. Der Körper arbeitet aktiv gegen Gewichtsabnahme. Niemand sucht sich das aus und niemand ist daran „selbst schuld“.
Trotzdem erleben Menschen mit Adipositas täglich Stigmatisierung. Sie werden angestarrt, ungefragt kommentiert oder für faul und disziplinlos gehalten. Im Alltag, im Beruf, in den Medien und leider auch im Gesundheitssystem. Viele berichten, dass sie bei Arztbesuchen nicht ernst genommen werden und jede Beschwerde auf das Gewicht geschoben wird. Diese Stigmatisierung ist nicht harmlos. Sie verstärkt Scham, Rückzug und psychischen Druck. Sie kann dazu führen, dass Betroffene medizinische Hilfe meiden. Das verschlechtert die Gesundheit weiter und macht eine Behandlung schwieriger.
Adipositas ist eine Krankheit. Sie entsteht nicht über Nacht und sie verschwindet nicht durch einen einfachen Ratschlag. Natürlich hängt sie mit Kalorienzufuhr zusammen, aber in den meisten Fällen liegen tiefergehende Ursachen zugrunde. Psychische Probleme sind dabei sehr häufig, werden aber oft übersehen. Wer dauerhaft gegen innere Belastungen anisst, braucht Unterstützung und keine Vorwürfe. Sätze wie „Dann iss halt weniger“ oder „Du musst dich nur mehr zusammenreißen“ helfen niemandem. Sie ignorieren die biologischen und psychischen Prozesse, die längst aus dem Ruder gelaufen sind. Sie geben dem Betroffenen das Gefühl zu versagen, obwohl er oder sie krank ist.
Gleichzeitig ist es wichtig zu sagen, dass jeder Mensch Verantwortung für die eigene Gesundheit trägt. Krankheit bedeutet nicht Schuld, aber sie bedeutet Handlungsbedarf. Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Problematisch wird es, wenn auch Fachpersonen es sich zu leicht machen und lediglich sagen „Dann nehmen Sie halt ab“. Genau hier setzen spezialisierte Einrichtungen an.
Zum Beispiel unser Adipositaszentrum in Rotenburg (Wümme) begleitet Menschen mit starkem Übergewicht ganzheitlich. Dort arbeitet ein interdisziplinäres Team aus Ärzten, Psychologen, Ernährungsfachkräften und weiteren Spezialisten zusammen. Ziel ist nicht eine schnelle Lösung, sondern eine nachhaltige Behandlung. Das kann eine strukturierte Ernährungsberatung sein, psychologische Unterstützung, Bewegungstherapie oder auch die Vorbereitung und Begleitung einer operativen Therapie, wenn diese medizinisch sinnvoll ist. Wichtig ist, dass die Ursachen betrachtet werden und nicht nur die Zahl auf der Waage. Auch die langfristige Nachsorge spielt eine große Rolle, damit Veränderungen stabil bleiben und Rückfälle aufgefangen werden können.
Zum Schluss ist eines besonders wichtig. Niemand muss mit Adipositas alleine bleiben. Es gibt Hilfe, Verständnis und professionelle Unterstützung. Beschämung bringt niemanden weiter. Wissen, Mitgefühl und echte Begleitung schon. Wer betroffen ist, darf sich Hilfe holen und wer nicht betroffen ist, kann lernen, respektvoller hinzuschauen. Adipositas ist eine Krankheit und Krankheiten verdienen Behandlung, nicht Verurteilung.
Casino, 5. OG, Haupthaus des
Agaplesion Diakonieklinikum
Elise-Averdieck-Straße 17
27356 Rotenburg (Wümme)
19.00 Uhr bis ca. 21 Uhr
Jeden dritten Dienstag im Monat
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Gruppenleitung: Sascha Pies, M. A.
E-Mail: Adipositas-SHG-ROW@online.de
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